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Sockel und Fuß, Dach und Kopf. Architektur
und Figur, Relief und Stelen.
Skulptur und Architektur sind enge Verwandte in einem nicht
spannungsfreien Verhältnis. Mal ist Skulptur Teil der
Architektur, wenn tragende Elemente skulptural geformt sind
oder Skulptur aus Torbögen und Säulen gleichsam
herauswächst, mal sind sie entschieden voneinander getrennt
wie in den vielen Beispielen von Kunst am Bau, wo Skulptur
einer fremden Architektur nachträglich zugeordnet wird.
Schon seit den 60er Jahren, beginnend mit der "arte povera"
und den "Iglus" von Mario Merz, haben sich viele Künstler
wieder mit der engen Verwandtschaft zwischen Skulptur und
Architektur auseinandergesetzt und skulpturale Architekturmodelle
geschaffen (Heerich, Kirkeby, Schütte u.a.). Skulptur
wurde dabei als Architektur gedacht und entsprechend begehbar.
Es fehlte bisher der Versuch, den Weg umgekehrt zu gehen,
nämlich den architekturalen Raum auf seinen skulpturalen
Kern gleichsam einzudampfen. Dieses Experiment zeigt, wie
die Skulpturen des jungen Künstlers Friedemann Grieshaber
veranschaulichen, überraschende und im besten Sinne erregende
Ergebnisse.
"Figurationen der Gegenwart" nennt Grieshaber seine jüngste
Werkphase, die sich nach dazu gehörigen Vorläufen
in den letzten Jahren ausbildet und das Thema Figur und Architektur
als eine Synthese von einander gleichwertigen Aspekten aufgreift
und einkreist. Raum und Körper, Figuration und Architektur
sind sichtbar die Elemente eines bildhauerischen Programms,
das auf ihr von einander nicht mehr trennbares Zusammenwirken
in der jeweiligen Skulptur zielt. Beide Ansichten durchdringen
einander, ohne sich doch gegenseitig aufzuheben.
Grieshabers Skulpturen sind plastische Gebilde aus architektonischem
Formenvokabular und zugleich Annäherungen an die Welt
des Figurativen. Sie sind keine Zwitter, sondern in ihrem
architekturalen Körper eindeutig. In ihm bleiben die
Rückbezüge auf die Ausgangs-bedingungen offengelegt.
Nichts wird eingeschlossen, verborgen oder gleichsam ins Abseits
gestellt, um die Einheit zu erzwingen, nichts auch dazu drapiert,
um dem Anschein des Figurativen nachzuhelfen. Und doch gebiert
das architekturale Vokabular figurative Formen: Die prinzipiellen
Gegensätze schließen einander ein und nicht aus:
Die Architekturform die Figuration, der plastische Körper
den Raum, das Gebautsein die Assoziation zum gewachsenen Körper.
Erfinden statt finden
Ausgangspunkt ist für Friedemann Grieshaber die Entwicklung
und der Aufbau eines plastischen Körpers aus architekturalen
Grundformen. Seine Stelen und Reliefs, Torsi und Haus-Hof-Konfigurationen
verstehen sich nicht als Ableitungen bzw. Abstraktionen von
Figuren. Dem formulierenden Künstler steht kein Modell
gegenüber, sondern er selbst erfindet plastische Modelle,
deren Körperlichkeit ins Figurative hinüberspielt,
ohne dahin endgültig zu transformieren. Er beschäftigt
sich nicht mit dem Gebautsein lebendiger Erscheinungen, um
sie auf Grundformen zurückzuführen, so Jens Semrau,
"sondern setzt an bei der Lebendigkeit, die er selbst durch
seine Handhabung geometrischer Grundformen entstehen lassen
kann. Insofern ist seine Arbeit an der Form eher ein Prozeß
der Erfindung denn der Findung." *1
Das gilt schon für die Entwicklung der Form. Ihre Elemente
stammen aus dem Vokabular der Minimalisten: Dreiecke und Rechtecke,
Quader und Pyramiden, daraus entstehen Baukörper, Hauskuben
oder Dachformen, in der Spitze abgekappte pyramidale Sockel,
auf denen schmale, hochgezogene, von Öffnungen durchbrochene
oder wiederum mit Balkone ausgestatte Stelen stehen, ein aufrechter
Hochhausquader mit Satteldach, dessen Sockel als eine ummauerte,
nach oben geklappte Hoffläche ausgebildet ist, eine kelchförmige
Wand als schmaler überproportionaler Sockel für
eine Silhouette von Hausformen, um nur einige der prägnanten
Beispiele aufzuzählen.
Die Bausteine allerdings folgen nicht den strengen Gesetzen
und der Exaktheit der immer gleichen Kuben und Quader wie
in der klassischen Ausprägung des Minimalismus der sechziger
Jahre, sondern sie sind der individuellen Formentscheidung
des Bildhauers unterworfen. Die dem Betonguß vorausgehenden
Tonformen entstehen aus Streckungen, Quetschungen, Stauchungen
der geometrischen Basisformen. Der Werkvorgang ist laut Auskunft
Grieshabers eher dem eines Schmiedens denn dem des klassischen
Modellierens vergleichbar. D. h. wie beim Schmieden werden
Formen gelängt, geplättet, gebogen, u.s.w., ohne
daß Masse verloren geht. Was auf der einen Seite sich
verschmälert wird auf der anderen Seite breiter. Wenn
Durchbrüche und Löcher die Kernsubstanz vermindern,
dann wird sie z.B. durch kleine Hausgebilde, die wie Balkone
angesetzt erscheinen, dem skulpturalen Körper wieder
hinzugefügt.
Relief statt Rundform
Grieshabers Plastiken sind zwar freistehend, aber bis auf
einige Ausnahmen nicht als traditionelle Rundplastiken zu
begreifen. Sie sind aus der Frontalansicht heraus entwickelt
und haben entgegen der klassischen Vorstellung von architekturalen
Skulpturen wenig Tiefe. Was auf Abbildungen wie ein voll ausgebildeter
plastischer Körper erscheint, ist tatsächlich reliefierte
Fläche. Durch perspektivische Verschiebungen, durch den
Wechsel von Unter-Front- und Aufsichten erscheinen sie als
voluminöse Skulpturen, sind aber im wörtlichen Sinne
das, was z.B. bei dem Titel "Gedrücktes Haus" benannt
wird: In die Fläche gedrückt und entvoluminisiert
oder aus der Fläche als Relief herausgearbeitet. Das
ist kein Akt bloßer Verfremdung, sondern eine Verdichtung
des Architekturalen zum Plastischen hin. Der architekturale
Raum mag eine wichtige Rolle spielen, aber Volumen wird ihm
nicht gegeben. Er bleibt immer mehr Vorstellung denn reale
Ausdehnung. Insofern will er auch keinen Bezug nehmen auf
den Umraum, will nicht kontextual begriffen werden, sondern
als eigener Kunstraum, der nur für die skulpturale Binnenform
von Bedeutung ist. Während die Minimalisten auf die Interaktion
zwischem dem Objekt, dem ihn umgebenden Raum und dem darin
sich bewegenden Betrachter zielten und damit der Beziehung
zwischen realem Raum und den darin seriell plazierten, auf
geometrische Primärformen reduzierten Körpern eine
entscheidende Bedeutung zumaßen, gilt das Interesse
von Grieshaber der nur auf sich selbst bezogenen, innerplastischen
Ausbildung des Raumes. Dieser braucht keine reale Ausdehnung
wie sie Architekturmodelle eigentlich verlangen, sondern ihm
genügt sein eigenes plastisches "Bild" und die Form gewordene
Vorstellung von Raum. Es geht Grieshaber ohnehin nicht um
Modelle von Architektur noch von Figur, also nicht um Verweise
auf etwas, das außerhalb der Arbeiten seine Wurzeln
hat wie in der Objektkunst oder sich auf außerkünstlerische
Deutungsmuster bezieht. "Es wird", so der Künstler selbst,"eine
radikale Abgrenzung von anderen Kunstgattungen, wie der Objektkunst
oder der Kontextkunst deutlich. Damit erübrigt sich auch
jegliche inhaltliche oder fetischartige Aufladung, die Werke
sind keine Bedeutungsträger, sondern sie sind selbstverständlich,
sie bedeuten, was sie sind."
Kern statt Haut
In Bezug auf Raum und Körper wird auch der eigenständige
Ansatz Grieshabers gegenüber dem seines Lehrers deutlich.
Nach dem Besuch der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste
Stuttgart und der Kunsthochschule Berlin-Weißensee hat
Grieshaber an der Hochschule der Künste Berlin bei Lothar
Fischer studiert und dort seine Prägung erfahren. Fischers
Figuren sind, wenn gleich periodenweise stelenhaft, aus der
Körperhülle heraus entwickelt, während Grieshaber
wie beschrieben, aus dem Kern, aus der Substanz geometrischer
"Bauteile" heraus arbeitet. Fischer schafft seinen Figuren,
auch wenn sie vom Volumen her schmal und gleichsam ausgedünnt
erscheinen, durch Spreizen von Gliedmaßen oder durch
Thronen auf hohen Sockeln und Sitzmöbeln, auch teilweise
durch Einfangen in Gittern, eine eigene, außerfigürliche
Räumlichkeit, während Friedemann Grieshaber solchen
Raum gerade ausschließt. Beide, der Lehrer und sein
heute junger künstlerischer Kollege, haben nicht nur
unterschiedliche thematische, sondern auch prozedurale Konzepte,
was sich in der materialen Präsenz ihrer Skulpturen niederschlägt:
Fischer moduliert seine Körper als "Haut" vorwiegend
in Ton, Grieshaber "schmiedet" den Ton, um mit seiner Hilfe
eine Negativ-Gips-Form herzustellen, die zum schließlichen
Ergebnis des kruden Betongusses führt. Bei Fischer bleibt
die bis auf ein Minimum geschrumpfte Hülle, bei Grieshaber
die reduzierte Körpermasse, die Blicke in ihr Inneres
öffnet und nicht ausgreifend den Raum besetzt.
Grieshabers "Figurationen der Gegenwart" sind, wie anfänglich
festgestellt, ihrem Formenvokabular gemäß als architekturale
Skulpturen zu begreifen, deren dingliche Konstruktion jedoch
in figurative Erscheinungen hinüber spielt. "Auf der
einen Seite sind sie als angedeutete Figuren lesbar", so hat
Bernd Künzig geschrieben, "deren körperliche Proportionen
im Kontext der Betrachterposition jedoch zu abstrakten Bauformen
geronnen sind. Bezogen auf den Formungsprozess bilden die
elementaren Bauformen ein Grundmaterial, das durch die Montage
und Verbindung zu figürlichen Proportionen und Anspielungen
führt. Aus dem Haus wird die Figur gewonnen, die umgekehrt
in diesem Heimstadt finden kann." *2
Identität statt Symbiose
Das Überblenden von beiden Aspekten in einer zeitgenössischen
Skulptur hat gewiß mit den gemeinsamen Wurzeln zu tun,
von denen schon zu Beginn die Rede war, als plastische und
architekturale Elemente miteinander verschmolzen im Tagwerk
der kultischen oder sakralen Gebäude - den Heimstätten
der Götter oder Gottes, erbaut auf und mit den aus dem
Stein herausgemeißelten archaischen Körperformen
ihrer Diener und Bewacher. Friedemann Grieshabers kunstgeschichtliches
Interesse gilt nicht umsonst den alten Ägyptern ebenso
wie der Romanik. Die skulptural geformte Säule samt der
Frontalansicht der Figuren haben sich in seinen Arbeiten zur
freistehenden Stele geformt. Der Bauraum ist zur kompakten
Skulptur verdichtet, deren Bauelemente, wiewohl aus Primärformen
abgeleitet, auch Momente des Figurativen in sich einschließen:
die abgestumpfte Pyramide als Sockel wie als Fuß oder
umgekehrt als Kopf oder abgeflachtes Dach, die Einschnitte
oder Durchblicke als Aufschlüsse des eingeschlossenen
Raums oder als markante Körpergliederungen und Öffnungen:
beide Aspekte sind - und auch das meint Gegenwart - gleichermaßen
präsent, ohne aufeinander verweisen zu müssen; denn
sie "bedeuten, was sie sind", als Körper und als Funktion.
Der Baumeister, der Bildhauer ist Teil seines eigenen Bau
- und Formplanes indem er einen skulpturalen Baukörper
formt und teilweise buchstäblich aus sichtbaren Segmenten
errichtet, richtet er sich selbst auf, "objektiviert" im Strecken
und Quetschen, im Einschneiden und Durchbohren sein Denken
und leibliches Agieren. Doch die mythische Einheit des Archaischen,
in dem Bau und Figur eine kultische Symbiose bildeten, ist
nur noch ein ferner Wiederschein. Bis ins spröde, rauhe,
selten überarbeitete Material des Betongusses hinein
bezeugt die Kunstfiguration die verdinglichung der menschlichen
Beziehungen. Sie sind aus dem Werk nicht mehr herauszulösen:
die Gestalt ist zum figurativen Bau erstarrt, einbetoniert
in ihrem eigenen schöpferischen Entwurf. Sie ist weder
Denkmal in Referenz an die ehemaligen intakten Beziehungen
zwischen Bauherr und Heim noch Entwurf einer neuen, womöglich
rationalen Ordnung der Verhältnisse. Die Identität
von Bau und Figur, das meisterhafte Kunststück der Figuration,
versagt sich gleichermaßen der Rückprojektion auf
das heile Ursprüngliche wie auch aller Vorspiegelungen
individueller Bewegungsmöglichkeiten. Das im ersten Augenblick
scheinbar Vertraute, die Brücke über die Zeiten
hinweg, erweist sich als nicht rückholbar. Man kann sich
darin nicht einrichten. In ein Bild gekleidet: das Haus ist
ohne Hüter, weil dieser zum Haus selbst geworden ist.
Je unbestechlicher der Dialog der Formen, desto weniger sind
sie von außen mit fremden Anmutungen zu bedrängen
oder zu deformieren. Weder klagen sie an, noch wollen sie
erinnern oder Ausblicke geben. Die Eindringlichkeit und Überzeugungskraft
dieser "Figurationen der Gegenwart" liegt in der Unerbittlichkeit
und Strenge ihrer Selbstbezogenheit. Das ist nicht gegenwärtig
insofern, daß der Zeitgeist unentwegt den Kontext beschwört,
aber Gegenwart in der Formulierung eines Aspekts des Themas
Figur, wie er so entschieden selten in der Skulptur zum Ausdruck
kommt.
Lothar Romain
*1 In: Stadt der Zukunft,
Bernd-Rosenheim-Stiftung, Frankfurt am Main, 2000, Text: Jens
Semrau
*2 In: Friedemann Grieshaber, Figurationen der Gegenwart,
Edition Isele, Eggingen 2001,
Text: Bernd Künzig
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